Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung Fragen & Antworten

(Stand Dez. 2020)

 

Fragen zum Islamischen Religionsunterricht (IRU)

Handelt es sich beim Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung um ein ordentliches Lehrfach?

Islamischer Religionsunterricht ist an den öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg ein ordentliches Lehrfach. Seine Stellung entspricht dem der anderen bekenntnisgebundenen Religionsunterrichte, also dem römisch-katholischen, dem evangelischen, dem jüdischen, dem alt-katholischen, dem alevitischen, dem syrisch-orthodoxen und dem orthodoxen Religionsunterricht.

 

In welchen Schularten und in welchen Klassenstufen kann Islamischer Religionsunterricht angeboten werden?

Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung kann an allen allgemeinbildenden Schularten in allen Klassenstufen angeboten werden.

 

An wie vielen Schulen wird IRU in Baden-Württemberg aktuell unterrichtet? Wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen teil?

Im Schuljahr 2019/2020 haben an 86 Schulen etwa 6000 Schülerinnen und Schüler am Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung teilgenommen.

 

Findet der Unterricht auch in der gymnasialen Oberstufe statt?

Grundlage für den Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung ist der Bildungsplan von 2016, der Jahr für Jahr in die oberen Klassen aufwächst.

 

Was bedeutet der Zusatz „sunnitischer Prägung“?

Religionsunterricht wird nach den Vorgaben des Grundgesetzes bekenntnisgebunden unterrichtet. Der Islamische Religionsunterricht in Baden-Württemberg wird nach dem sunnitisch-islamischen Bekenntnis unterrichtet. Das sunnitisch-islamische Bekenntnis unterscheidet sich in wichtigen theologischen Fragen von anderen muslimischen Bekenntnissen. Der überwiegende Anteil der in Baden-Württemberg lebenden Musliminnen und Muslime ist sunnitischen Bekenntnisses.

 

Wer ist Träger des Islamischen Religionsunterrichts sunnitischer Prägung?

Die Verantwortung für die Bekenntnisinhalte des Religionsunterrichts liegt nach dem Grundgesetz bei der jeweiligen Kirche oder Religionsgemeinschaft. Die Verantwortung für den Islamischen Religionsunterricht liegt bei der Stiftung Sunnitischer Schulrat, die von zwei islamisch-sunnitischen Gemeinschaften und dem Land gemeinsam getragen wird. Die Gemeinschaften sind der Landesverband der Islamischen Kulturzentren Baden-Württemberg e.V. und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V.

 

Gibt es Islamischen Religionsunterricht auch für andere Strömungen innerhalb des Islams?

Religionsunterricht anderer islamischer Bekenntnisse besteht an den Schulen in Baden-Württemberg nicht. Es liegen auch keine Anträge auf Einrichtung von Religionsunterricht anderer islamischer Bekenntnisse vor. Unabhängig hiervon ist an den öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg Alevitischer Religionsunterricht in Trägerschaft der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. eingerichtet.

 

Sollte das Fach nicht besser „sunnitischer“ Religionsunterricht genannt werden?

Eine entsprechende Änderung der Bezeichnung wird derzeit diskutiert.

 

Welche Schülerinnen und Schüler können am Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung teilnehmen?

Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die dem sunnitischen Islam zugehören. Schülerinnen und Schüler, die einem anderen Bekenntnis angehören, können nach Absprache mit der Lehrerin oder dem Lehrer in der Regel ebenfalls am Islamischen Religionsunterricht teilnehmen. Die Anmeldung erfolgt durch die Mitteilung der Eltern, dass ihr Sohn bzw. ihre Tochter dem sunnitischen Islam zugehörig ist, bzw. bei Schülern, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, durch den Schüler bzw. die Schülerin.

 

Kann eine Schülerin bzw. ein Schüler auch wieder abgemeldet werden?

Die Abmeldung vom Religionsunterricht aus Glaubens- und Gewissensgründen ist möglich, allerdings jeweils nur zu Beginn eines Schulhalbjahres.

 

Wer unterrichtet das Fach?

Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung wird von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die im Dienst des Landes stehen. Die Lehrerinnen und Lehrer gehören dem sunnitisch-islamischen Bekenntnis an.

 

Wie sind die IRU-Lehrkräfte ausgebildet? Wo werden sie ausgebildet?

Die IRU-Lehrkräfte haben das Fach Islamische Religionslehre bzw. Islamische Theologie/Religionspädagogik an einer der Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg, an der Universität Tübingen oder an einer Hochschule in einem anderen Bundesland studiert, die einen entsprechenden lehramtsbezogenen Studiengang anbietet. Sie haben einen Vorbereitungsdienst im entsprechenden Lehramt absolviert und diesen erfolgreich mit dem Zweiten Staatsexamen bzw. der den Vorbereitungsdienst abschließenden Staatsprüfung abgeschlossen.

 

Stimmt es, dass es sich um einen Modellversuch handelt?

Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung wurde in Baden-Württemberg im Jahre 2006 eingeführt. Mittlerweile ist der Islamische Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach.

 

Was ist Inhalt des Faches?

Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung ermöglicht Zugänge zu den Glaubensgrundlagen, Normen und ethisch-praktischen Vorschriften des Islam und stellt diese in Bezug zu den heutigen lebensweltlichen Bedingungen von Schülerinnen und Schülern in einer pluralen Gesellschaft her.

 

Findet in dem Unterricht religiöse Praxis statt?

Die ethisch-praktischen Vorschriften des Islam sind Gegenstand des Religionsunterrichts. Religiöse Praxis steht, wie in den anderen eingerichteten Religionsunterrichten, allerdings nicht im Mittelpunkt des Unterrichts.

 

Welche Schulbücher und Unterrichtsmaterialien werden eingesetzt?

Die Zulassung von Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien ist eine der Aufgaben der Stiftung Sunnitischer Schulrat. Die Entscheidung über die Zulassung von Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien steht derzeit (Okt. 2020) noch aus.

 

Werden im Fach Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung Schülerleistungen benotet?

Die Schülerinnen und Schüler erhalten im Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung wie in allen anderen Fächern Noten. Die Noten sind erheblich für die Versetzung.

 

Findet der Unterricht in der Moschee oder in der Schule statt?

Der Unterricht findet in der Schule statt.

 

Dürfen die IRU-Lehrerinnen ein Kopftuch tragen?

Lehrerinnen dürfen an den Schulen in Baden-Württemberg das Kopftuch tragen. Dieses Recht ist nur in Ausnahmefällen eingeschränkt.

 

In welcher Sprache findet der Unterricht statt?

Der Unterricht findet auf Deutsch statt.

 

Was muss eine Schule tun, um Islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung anbieten zu können?

Islamischer Religionsunterricht sunnitischer Prägung ist ein ordentliches Unterrichtsfach. Für die Einrichtung eines Angebots an einer Schule bedarf es insbesondere keines Antrags und keiner Genehmigung.

 

Wie stellt sich die Unterrichtsversorgung dar? Sind genügend Lehrkräfte vorhanden?

Derzeit sind nicht genügend Lehrkräfte mit der Qualifikation für den Islamischen Religionsunterricht vorhanden, um alle Schulen zu versorgen. Die Schulen haben die Möglichkeit, entsprechende Stellen „schulscharf“ auszuschreiben.

 

Inwiefern ist ein Einfluss ausländischer Stellen auf den Unterricht möglich?

Ein äußerer Einfluss auf den Unterricht ist ausgeschlossen. Mit ausländischen Stellen findet keine Zusammenarbeit statt.

 

Wie ist die Situation in den anderen Bundesländern?

Die Situation ist sehr unterschiedlich: In einer Reihe von Bundesländern wird IRU nicht angeboten. In einem Teil der Bundesländer wird Islamkunde als Unterrichtsfach angeboten, das allerdings nicht konfessionsgebunden unterrichtet wird und damit keinen Religionsunterricht darstellt. Andere Bundesländer verfügen über Beiratsmodelle für den IRU, wie dies in Baden-Württemberg vor Errichtung der Stiftung der Fall war. Ein Angebot an Religionsunterricht in Trägerschaft einer Religionsgemeinschaft - in diesem Fall AMJ - besteht derzeit nur in Hessen.

 

Wer nimmt die Aufsicht in bekenntnisgebundenen Fragen wahr?

Die Verantwortung für alle Fragen, die den Bekenntnisinhalt des Religionsunterrichts betreffen, liegt bei der Stiftung Sunnitischer Schulrat.

 

Fragen zur Stiftung Sunnitischer Schulrat

Was ist die Stiftung Sunnitischer Schulrat?

Die Stiftung Sunnitischer Schulrat ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Die Stiftung wurde im Jahre 2019 für den Zweck errichtet, die Organisation des Islamischen Religionsunterrichts sunnitischer Prägung in Bekenntnisfragen zu übernehmen, da bislang keine anerkannte sunnitisch-islamische Religionsgemeinschaft zur Verfügung steht. Weitere Informationen finden Sie unter www.sunnitischer-schulrat.de

 

Mit welchen islamischen Verbänden arbeitet das Land Baden-Württemberg zusammen?

Das Land kooperiert in der Stiftung Sunnitischer Schulrat mit dem Landesverband der Islamischen Kulturzentren Baden-Württemberg e.V. und der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V.

 

Ist damit zu rechnen, dass weitere islamische Gemeinschaften in die Trägerschaft der IRU eintreten?

Hierzu gibt es derzeit keine Anfragen und keine Gespräche.

 

Was passiert nach den fünf Jahren, in denen die Existenz der Stiftung fest verankert ist?

Danach kann der zugrundeliegende Vertrag aufgekündigt werden. Weitere Aussagen sind derzeit nicht möglich.

 

Warum ist nur eine Frau im Vorstand und in der Schiedskommission?

Die Mitglieder des Vorstandes wurden von den vertragsschließenden Gemeinschaften vorgeschlagen. Weitere angefragte Frauen haben abgesagt.

 

Wann ist mit der Besetzung der Geschäftsführerstelle zu rechnen?

Der Vorstand hofft, dass die Stelle im Laufe des Schuljahres besetzt werden kann.



Warum wurde das erste Besetzungsverfahren ergebnislos beendet?

Ein unterlegener Bewerber ist gegen die Besetzungsentscheidung der Stiftung gerichtlich vorgegangen. Das Verwaltungsgericht hat festgestellt, dass die Anforderungen an das Verfahren nicht vollständig eingehalten waren. Daraufhin hat die Stiftung entschieden, die Stelle erneut auszuschreiben, um den Bewerberinnen und Bewerbern erneut die Möglichkeit zur Bewerbung zu geben.

 

Fragen zur Erteilung der Idschaza

Was ist mit der Orientierung an den 5 Säulen und den 6 Glaubenssätzen konkret gemeint?

Die Idschaza-Ordnung verlangt eine Erklärung des Antragstellers bzw. der Antragstellerin, dass sich dieser bzw. diese in der individuellen Lebensführung an den 5 Säulen und den 6 Glaubensgrundsätzen des Islams orientiert. Eine darüberhinausgehende differenzierte Darstellung wird seitens der Stiftung nicht verlangt. Ein Verstoß gegen die Vorgaben, die sich aus den mit den 5 Säulen und 6 Glaubensgrundsätzen beschriebenen Vorgaben an die Lebensführung ergeben, würden nur dann zum Gegenstand des Verfahrens werden, wenn ein Kandidat bzw. eine Kandidatin selbst feststellt, bestimmten Vorgaben nicht zu folgen.

 

Was bedeutet theologische Verortung im Verfahren zur Erteilung einer Idschaza? Welche Anforderungen bestehen an die schriftliche Darstellung der theologischen Verortung?

Die Frage zielt auf maßgebliche Aspekte der eigenen religiösen und theologischen Verortung im sunnitischen Islam ab, wie bspw. auf die Orientierung an einer bestimmten Rechtsschule oder an einer bestimmten theologischen Tradition. Auch eine Information über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Moscheegemeinde wäre hier möglich. Verlangt wird eine Angabe über die Zugehörigkeit zu einer Moscheegemeinde allerdings nicht. Die theologische Verortung sollte schriftlich kurz dargestellt und erläutert werden.

 

Weitere Aspekte, die die individuelle Lebensführung betreffen? Ist ein Tattoo, ggfs. auch an einer sichtbaren Stelle, ein Problem?

Die Idschaza-Ordnung verlangt eine Erklärung des Antragsstellers, dass sich dieser in seiner individuellen Lebensführung an den 5 Säulen und den 6 Glaubensgrundsätzen des Islams orientiert. Der Bezug besteht dabei grundsätzlich in den Aspekten, die die Tätigkeit der Lehrerin oder des Lehrers im Religionsunterricht betreffen. Spezifische Fragen, wie bzgl. der hier genannten Tattoos, sind ggf. im Einzelfall durch den Vorstand zu entscheiden.

 

Was ist Gegenstand des vorgesehenen Interviews?

Die ggfs. vorgesehene Teilnahme an einem Interview dient vorrangig dem Kennenlernen des Kandidaten bzw. der Kandidatin. Eine über die o.g. Aspekte hinausgehende Befragung ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Sie würde nur dann erfolgen, wenn sich Hinweise ergäben oder vorlägen, dass die konkrete theologische Verortung nicht mit der Bekenntnisgebundenheit in Einklang zu bringen ist.

 

Werden Arabisch-Kenntnisse verlangt?

Seitens der Stiftung werden keine über die von den Hochschulen hinausgehenden Arabisch-Kenntnisse verlangt.

 

Hat die Stiftung bereits Lehrbefugnisse erteilt?

Die Stiftung hat seit ihrer Errichtung im August 2019 Lehrbefugnisse an mehr als 100 Lehrerinnen und Lehrer, an Anwärterinnen und Anwärter, Referendarinnen und Referendare erteilt sowie an drei Hochschullehrkräfte und an eine Person, die in der Lehrerausbildung tätig ist.

 

Ist damit zu rechnen, dass viele Antragsteller keine Idschaza bekommen werden?

Die Erfahrung zeigt, dass es in den allermeisten Fällen keinerlei Schwierigkeiten geben wird.

 

Warum können Schiiten und Angehörige der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) keine Idschaza erhalten?

Religionslehrkräfte müssen in positiver Gebundenheit zu den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft unterrichten, die Trägerin des Unterrichts ist. Für eine Lehrkraft, die dem schiitischen Bekenntnis oder AMJ angehört, ist dies nicht möglich, da deren Bekenntnis sich theologisch, rechtlich und religionswissenschaftlich vom sunnitischen Bekenntnis unterscheidet. Dem entspricht, dass AMJ in anderen Bundesländern als eigenständiger Träger von Religionsunterricht anerkannt ist. Eine schiitische Lehrkraft oder eine Angehörige von AMJ müsste also im islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung ein Bekenntnis vertreten, dass nicht ihr eigenes ist. Hieraus würden sich Akzeptanz und Legitimationsprobleme ergeben. Auf die Gebundenheit des islamischen Religionsunterrichts in Baden-Württemberg an das sunnitische Bekenntnis werden die Hochschulen, an den IRU-Lehrkräfte ausgebildet werden, seit langem hingewiesen.

 

Ist es ein Problem, wenn eine Antragstellerin oder ein Antragsteller sich bei DITIB oder IGBW engagiert?

Im Hinblick auf die theologische Verortung stellt dies regemäßig kein Problem dar. Im Hinblick auf die IGBW sollte erwähnt werden, dass eine Reihe von Moscheegemeinden, die dem Verband zugehören, Beobachtungsobjekt des baden-württembergischen Verfassungsschutzes sind.

 

Inwiefern interessiert die Stiftung der Lebenswandel der Lehrkräfte?

Dies würde allenfalls zum Gegenstand von Nachfragen werden, wenn sich Eltern oder Schüler über eine Lehrkraft beschweren.

 

Entsprechend die Regelungen zur Idschaza in Baden-Württemberg denen in den anderen Bundesländern?

Die Vorgabe, dass Religionslehrkräfte über eine religiöse Lehrbefugnis verfügen müssen, ergibt sich aus dem Grundgesetz. Die Idschaza-Ordnungen in den anderen Bundesländern enthalten vor diesem Hintergrund weitgehend vergleichbare Regelungen wie in Baden-Württemberg.

 

Wird eine erteilte Idschaza auch Bestand haben, wenn die Trägerschaft nach Ablauf von 5 Jahren auf einen oder mehrere Verbände übergeht?

Hierzu sind keine sicheren Aussagen möglich.

 

Wer ist für Lehrerfortbildung zuständig?

Hierfür ist das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung zuständig.

 

Warum gibt es spezielle Regelungen für die PH Weingarten?

Die Ausbildung dort wird derzeit von der Stiftung nicht anerkannt. Absolventen müssen sich voraussichtlich einem Interview bei der Stiftung unterziehen, bevor sie zum Vorbereitungsdienst zugelassen werden.